Wildnispädagogik

Was ist eigentlich Wildnispädagogik und was sind die Ziele der Wildnispädagogik?

Die Aufgaben und Ziele der Wildnispädagogik sind breit gestreut und kaum klar abgrenzbar. Das offensichtliche Hauptziel besteht darin den Menschen die Natur wieder näher zu bringen, Verbindung mit ihr aufzubauen und den Menschen wieder ein Gefühl der Verbundenheit mit der Natur und der in Ihr lebenden Wesen zu geben. Auch die Verbundenheit zwischen uns Menschen untereinander ist ein starkes Anliegen.

Warum ist eine Verbindung zur Natur für uns Menschen so wichtig?

Wir Menschen haben eine sehr lange Zeit unseres Daseins auf der Erde in und mit der Natur gelebt. Erst seit relativ kurzer Zeit leben wir in dieser industrialiserten Art in klimatisierten, abgeschlossenen, oft vom Tageslicht abgeschnittenen Räumen. Wir haben im Einklang mit der Natur und den Jahreszeiten gelebt und waren uns auch über unsere eigene Zerbrechlichkeit und Verletzbarkeit bewusst, hatten aber gleichzeitig auch eine starke Verbundenheit zu unseren eigenen Begabungen, Möglichkeiten und Kräften.

Kooperation und Zusammenarbeit war notwendig um zu überleben. Das Bedürfnis so in einem menschlichen Netzwerk das für uns da ist, uns schützt, auf das wir uns verlassen können und für das aber auch wir uns einbringen können zu leben und wo es auch zählt dass wir dies tun, sitzt tief in uns verwurzelt fest. Durch unsere jetzige Lebensweise in der unsere kleinen Begabungen kaum als bedeutungsvoll geschätzt werden, fehlt vielen Menschen oft auch der Sinn im Alltäglichen. Unsere eigene Zerbrechlichkeit halten wir weit weg von uns indem wir das Altern, den Tod, den Neubeginn von Leben aus unserem alltäglichen Leben beinahe ausschliessen und in Altenpflegeheimen und Krankenhäusern parken. Für Naturvölker eine nicht denkbare Vorgehensweise. Die alten Weisen mit ihren Erfahrungen und Geschichten sind für die Gruppe genau so wichtig wie junge Kräftige, alle Begabungen und Möglichkeiten tragen zu einem besseren gemeinsamen Leben bei.

Da wir so lange Zeit in und mit der Natur als in Gruppen lebende Wesen gelebt haben, haben wir auch sehr viele Bedürfnisse die nur durch die erneute Kontaktaufnahme mit der Natur gestillt werden können.

Die Natur reizt unsere  Sinne wie es anders nicht möglich ist. Wir sind sinnliche Wesen und benötigen den Gebrauch von allen Sinnen die uns zur Verfügung stehen um ein erfüllendes Leben zu führen. Der Reichtum der Natur an Erfahrungsmöglichkeiten entspricht hier diesem grundlegenden Bedürfnis des Menschen nach sinnlichen und sinnhaften Erfahrungen.

Wir Menschen wie auch alle anderen Lebewesen benötigen Freiraum um uns ganz entfalten zu können. Die Natur bietet den Raum für eigenes Tun, sowie das Ausprobieren der eigenen Möglichkeiten und auch Grenzen. Nirgends sonst sind Grenzen so klar und unmissverständlich sichtbar und spürbar. Alles hat naturliche Grenzen und Konsequenzen, keine wie die in unserer Gesellschaft oft verwendeten *künstlichen Strafen* für Regelverletzungen. Es ist alles nachvollziehbar und klar.

Wir Menschen brauchen auch Stille in unserem Leben.  In Städten ist es kaum möglich einen ruhigen Ort zu finden an dem man seinen eigenen Gedanken lauschen kann oder den Vögeln beim Singen zuhören kann ohne laute Hintergrungeräusche als Begleiter zu haben. Diese Stille suchen oftmals viele Menschen dann im Urlaub um sich so einen Ausgleich zu schaffen. Die Natur kann uns diesen Raum für Stille großzügig anbieten.

Das Wetter erzeugt in uns verschiedene Stimmungen die gelebt werden wollen. Komfortable Wohnverhältnisse reduzieren klimatische Extreme und deren Erleben. In der Natur erleben wir hautnah den Lauf der Jahreszeiten und lernen den natürlichen Rhythmus wieder kennen.  Zu wissen wo welche Himmelsrichtung ist und welche Mondphase wir gerade haben, aus welcher Richtung der Wind hauptsächlich weht, wo sich meist Gewitter zusammenbrauen ob es heute noch Regen geben wird und viele andere Ereignisse sind für uns dann sehr gut instinktiv einschätzbar auch ohne Wetter- App.

Es fördert ungemein die Gesundheit regelmässig in der Natur unterwegs zu sein. Gut geschützt durch die richtige Kleidung, machen frische Luft, Wind und Wetter nicht nur Spaß, sondern auch gesund. Außerdem verbessert sich die Motorik und der Gleichgewichtssinn durch die Bewegung und das Tun auf unebenen Böden die auch unterschiedliche Trittfestigkeiten aufweisen.

Wir können in der Natur vom geraden Weg abweichen, unsere Wege selbst wählen und nicht dem Gehsteig und Zebrastreifen folgen.  Diese Möglichkeit zum selbstbestimmten Handeln bis in kleine Details ist umringt von Strassenverkehr und Stadtlärm inmitten von großen Menschenmengen kaum möglich.

Wir können in und durch die Natur viel Interessantes lernen. Welches Tier wo lebt und welche Aufgabe es im Kreislauf zu erfüllen hat. Welche Pflanze an welchen Orten am besten wächst und was sie für einen Lebenszyklus durchleben wird oder auch was sie tolles für uns Menschen bereithält. Aber auch viel über uns selbst: Man kann seine eigenen Grenzen ertasten, Ängste erforschen und begegnen, Sinneserfahrungen erleben und vieles mehr.

Die Verbindung zur Natur ist für uns Menschen auch so wichtig, weil wir das Abenteuer suchen. Gerade bei Kindern kann man das ganz toll beobachten wie sehr sie das Abenteuer *Draussen sein geniessen*. Da kann man auf Bäume klettern, Schneehöhlen graben, seltsame Tiere beobachten, Spuren verfolgen die einem in ein Abenteuer führen, wilden Tieren beinahe greifbar nahe kommen, sich gegenseitig mit Gatsch bewerfen, sich im Laub verstecken, Lagerfeuer machen und sich dann rund ums Lagerfeuer sitzend Geschichten und Erlebnisse erzählen und vieles mehr.

Die Vorteile von eine Leben in Verbindung mit der Natur sind wissenschaftlich belegt. Beispielsweise nach den Erkenntnissen der Psychomotorik ist körperliches und seelisches Gleichgewicht eng miteinander verknüpft. Das Laufen auf den unebenen, verschiedenartigen Untergründen fördert spielerisch die koordinativen Fähigkeiten, baut Stress ab, fördert das Selbstbewußtsein und die Wahrnehmungsfähigkeit. Der Kontakt mit der *Welt da draussen* führt zu einem aktiveren Immunsystem und dadurch zu einer geringeren Anfälligkeit für Krankeiten.

Mit welchen Methoden arbeitet die Wildnispädagogik?

Die Art und Weise wie wir Menschen wahrhaftig lernen (damit ist nicht das Auswendiglernen für Prüfungen in der Schule gemeint) hat sich nicht grundlegend verändert in der Zeit in der wir in einer industrialisierten Welt leben. Am einfachsten und effizientesten lernen wir immer noch über Begeisterung / Freude und aus Bedürfnissen heraus.

Beeinflusst wird das Lernverhalten dann durch die Richtung der Aufmerksamkeit, durch starke Sinneswahrnehmungen und Erfahrungen, durch die Strukturen in denen wir aufwachsen und deren Gemeinschaftsregeln.

Durch Überprüfung der eigenen und fremden Denkmuster kann dann zu einer eigenen *Wahrheit*, einem eigenen Lernergebnis gefunden werden.

In der Wildnispädagogik stehen eine Vielzahl an Werkzeugen zur Verfügung um Lernen zu ermöglichen bzw. zu erleichtern oder zu begleiten. Sie sind angelehnt an den *alten Werkzeugen* die Naturvölker auch heute noch ganz natürlich verwenden.

Einige davon in folgender Liste mit ein paar Worten dazu:

Fragen stellen:

Unser Geist wird träge wenn wir alles auf einer schönen Powerpoint Folie oder als steifen Vortrag präsentiert bekommen. Viel interessanter für unser Gehirn sind Fragen. Sie regen sofort den Denkfluss an. Der Befragte fühlt sich dadurch auch in den Prozess integriert. Der Geist geht auf Suche nach alten Erfahrungen zum Thema, versucht zu verknüpfen und eine Lösung zu finden. Daher sind Fragen so unglaublich wertvoll. Die entstehenden Antworten sind auch wenn sie nicht der Tatsache entsprechen die erfragt werden wollte auf keinen Fall falsch. Es handelt sich dabei einfach um einen Weg, eine Art Prozess bei dem Lernen stattfindet.

Wahrnehmungsübungen:

Von Grund auf möchte der Mensch seine Sinne benutzen um alles wahrzunehmen was ihn umgibt. Wahrnehmungsspiele und Übungen passen daher perfekt auf ein starkes Bedürfnis. Bei Wahrnehmungsübungen werden die Sinne wieder aktiviert und oftmals auch das eigene Körpergefühl wieder stark wahrgenommen. Auch steigert sich durch solche Übungen generell die Aufmerksamkeit und Offenheit  vor allem wenn es möglich ist sie als Routine ins Leben einzubauen. Also ein super toller Nährboden um neues aufzunehmen und zu lernen.

Geschichten erzählen:

In Geschichten verpackte Erfahrungen und Lerninhalte werden von uns Menschen anders wahr- und auf-genommen. Es handelt sich eben *um eine Geschichte* die man nach eigener Prüfung dann als lehrreich oder eben nicht lehrreich einstufen kann. Auf jeden Fall, wird die emotionale Begegnung mit einer Geschichte neutraler sein  als mit einem kühl Präsentierten Lerninhalt den man doch bitte gefälligst zu lernen hat.  ;O)  Auch bleiben Geschichten viel leichter in der Erinnerung hängen und können selbst wenn sie zum Zeitpunkt des Erzählens als nicht lehrreich empfunden wurden später dann doch noch einmal passen.

Beobachten / Lernen in Gruppen:

Menschen und andere Lebewesen haben die Fähigkeit nicht nur durch eigene Erfahrungen sondern auch durch Beobachtung zu lernen.  Wir müssen nicht alle Erfahrungen selbst machen, wir können auch Teile oder ganze Erfahrungen durch andere miterleben. Daher ist das Lernen in Gruppen oftmals auch extrem effizient. Auch Aufgaben für eine Gruppe zu übernehmen und dann als *Held* mit dem Ergebnis zurück zu kommen kurbelt Begeisterung an und entspricht tiefen Bedürfnissen von uns Menschen.

Lernen durch Ausprobieren und *Tun*:

Manche Dinge können aber auch besser durch eigenes Tun und Handeln erlernt werden.  Es ist für uns Menschen auch angenehmer und ressourcenschonender in Abwechlung durch Beobachtung und eigenes Tun zu lernen.

Erlebnisse/Abenteuer in einem sicheren Rahmen/ Wissen verpackt in Spielen:

Durch Spiele, Erlebnisse oder Abenteuer wird bei uns Begeisterung angekurbelt. Sie ist ein perfekter Dünger für die Nervenzellen in unserem Gehirn. Es werden Hormone und Botenstoffe ausgeschüttet die ein unglaublich rasches vernetzen und lernen ermöglichen.

Das offene aussprechen von Themen:

Eine Lernkultur in der wir offen Themen die uns schwer fallen, uns bedrücken oder mit denen wir uns nicht wohl fühlen ansprechen können, entsteht Vertrauen. Durch Vertrauen dann Offenheit und durch Offenheit unglaubliche Möglichkeiten um sich gegenseitig auszutaschen, zu lernen und zu bereichern. Ein fruchtbarer Boden wird dadurch geschaffen.